Auszüge

(Kapitel 11)

Da wir wußten, was wir vorhatten, wenn Kyle im Bett war, waren Rikki und ich während des Abendessens ziemlich schweigsam, aber Kyle machte das nichts aus. Er mampfte, bekleckerte das Tischtuch und plapperte munter drauf los, als sei alles in bester Ordnung. Nach dem Essen brachte ich ihn nach oben, setzte ihn in sein gewohntes Schaumbad und las ihm Ernie verirrt sich vor, während er nach Herzenslust in der Wanne herumplanschte. Ich sah ihn spielen und wünschte insgeheim, ich könnte seine unschuldige Freude teilen, die Zwangsjacke aus Angst und Elend von mir werfen und mich wenigstens eine Minute lang sorglos von dem herrlichen Schaum tragen lassen, mich sicher und geborgen fühlen. Aber es war nur ein frommer Wunsch. Die Jacke zwängte mich ein, und es sollte noch drei lange Jahre dauern, bis sich auch nur ein einziger Knoten lösen ließ.

Bald war Ernie gefunden, Rikki hatte die Küche aufgeräumt, Kyle war geduscht, abgetrocknet und ins Bett gebracht, wie sich's für einen kleinen Jungen gehört. Keine drei Minuten später atmete er gleichmäßig und träumte von meterlangen Zuckerstangen. Der Glückliche.

Rikki und ich löschten das Licht im Flur und begaben uns unbehaglich nach unten, wußten nicht recht, was auf uns zukommen würde. Wir machten uns Tee und setzten uns ins Wohnzimmer vor den großen Kamin. Die Heizung summte leise, die Keramiklämpchen auf dem Tisch warfen sanften, sonnenuntergangsgleichen Schein, verbreiteten die gemütliche Atmosphäre einer Skihütte. Hätten sich in letzter Zeit nicht so bizarre Dinge ereignet, man hätte glauben können, jeden Augenblick klopfe der Skilehrer Sven an die Tür um uns zu sagen, die Filmvorstellung fange jetzt an. Aber kein Sven erschien. Es gab auch keine Filmvorstellung. Es gab nur Rikki und mich ... und vielleicht Per.

Rikki sah mir tief in die Augen. »Per?« sagte sie zögernd. »Kann ich Per sprechen?«

Augenblicklich Schauder, schwapp - ich war weg und Per war da. Eine seltsam wohlige Ruhe kam über mich, während ich spürte, wie Per das Kommando übernahm.

Per sah Rikki an und lächelte freundlich.

»Hallo«, sagte er. Pers beruhigende Stimme klang seltsam vertraut. Es war das erste Mal, daß ich sie von außerhalb meines Kopfes vernahm.

Rikki musterte ihn aufmerksam. »Hallo«, sagte sie vorsichtig. »Bist du Per?«

»Bin ich«, sagte er in samtenem Ton.

»Weißt du, wer ich bin?«

Er lächelte sie an. »Bist du Rikki?«

»Ja«, sagte sie und betrachtete ihn eingehend.

»Das hier ist Cams Haus, und du bist seine Frau«, sagte Per.

»Das ist richtig«, sagte sie verwirrt. Das war nicht ihr Mann. Und es war eindeutig nicht Davy. Das war jemand anderer. Ein absolut ruhiger Jemand bei klarem Verstand. Ein völlig anderer Jemand.

»Ich bin etwas nervös«, gestand Rikki. »Ich ... ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Sie überlegte einen Moment. »Ach ja ... seit wann gibt's dich?«

Per rieb sich das Kinn, dachte nach, seine Mundwinkel verzogen sich zu einem nach innen gerichteten Lächeln. »Hmm«, sagte er. »Ich weiß nicht genau. Schon ziemlich lange, denke ich.«

»Wie alt bist du?« fragte sie. Sein sanfter, angenehmer Tonfall wirkte irgendwie tröstlich auf sie.

»Älter als Cam«, sagte er.

»Cam sagt, du trägst eine Benjamin-Franklin-Brille und sitzt an einem Zeichenbrett.«

Per griff nach oben und berührte den Rand meiner Brille. »Ich trage diese hier«, sagte er.

Rikki nahm einen Schluck Tee. »Kennst du Davy?« fragte sie.

Per runzelte die Stirn. »Ich weiß, wer Davy ist«, sagte er langgezogen, wiegte den Kopf. »Eine sehr traurige Geschichte.«

Rikki wandte sich jetzt ganz Per zu, fixierte ihn konzentriert. Zwischen ihren Brauen bildete sich eine kleine Furche. »Wer bist du?«

Per blieb gelassen. »Ich ... weiß ... nicht genau«, sagte er. »Ich weiß, daß ich in diesem Körper bin. Weiß auch, daß es Cams Körper ist. Weiß, daß es noch andere gibt.« Sein Blick beschrieb einen langsamen Bogen durchs Zimmer, landete schließlich bei Rikki.

»Seltsam, hier draußen zu sein«, sagte Per, deutete mit der rechten Hand vage ins Zimmer. Dann klopfte er sich auf die Brust. »Gewöhnlich bin ich hier drin.«

Rikki starrte ihn intensiv an, biß sich auf die Unterlippe; ein Dutzend Fragen suchten sich einen Weg. Sie machte den Mund auf, wollte etwas sagen, aber es kam nichts. Sie setzte die Tasse ab, lehnte sich vor, stützte die Ellbogen auf die Knie, rieb sich erregt die Schläfen, fragte sich, wo sie anfangen sollte.

»Ich muß ein paar Dinge wissen, Per, so zum Beispiel, was du da drin tust? Warum du da bist? Woher du gekommen bist?«

Per saß seelenruhig da, die Hände im Schoß gefaltet, seine Augen waren sanft, sein Gesichtsausdruck hellwach. »Kann verstehen, daß du durcheinander bist«, sagte er mit gütigem Blick. »Ich weiß nicht, woher ich gekommen bin. Ich gebe acht, Rikki ... auf Cam und die andern. Ich passe auf die Kleinen auf.«

»Welche Kleinen?« entfuhr es Rikki. Sofort faßte sie sich wieder. »Tut mir leid. Welche Kleinen?« wiederholte sie leiser.

»Sind schlimme Dinge passiert, Rikki«, sagte Per ernst.

»Welche schlimmen Dinge? Meinst du das mit Davy und seiner Großmutter?«

»Ja. Sehr schlimme Dinge. Aber davon sollten wir jetzt nicht reden, nicht jetzt, wenn sich Schlaf und Träume nähern.«

»Ich verstehe nicht, Per«, sagte Rikki.

»Du wirst es später verstehen«, sagte Per. »Du wirst die anderen kennenlernen. Sie werden herauskommen, um dich zu sehen. Die Tür ist jetzt offen. Man kann gefahrlos reden. Ich gehe jetzt ... du kannst mich jederzeit rufen. Sei tapfer, Rikki. Er braucht dich jetzt mehr denn je. Sie alle brauchen dich.«

Daraufhin spürte ich, wie ich in meinem Geist ganz nach vorne gezogen wurde, Per und ich einander kreuzten wie zwei Reisende, die sich auf einem Rollsteig in Gegenrichtung begegnen. Ich schüttelte den Kopf, um ihn zu klären, und sah Rikki an, die mich mit offenem Mund und fragend wiegendem Kopf anstarrte.

»Unglaublich«, flüsterte sie heiser. »Hast du mitgekriegt, was eben passiert ist? Hast du irgend etwas mitgehört?«

»Irgendwie schon«, sagte ich und rieb mir den Nacken. »Als belauschte ich im Speisewagen ein Gespräch zwei Tische weiter.« Ich blickte Rikki in die tiefblauen Augen und sah ihre Verwirrung. Angstvolle Sorge kroch mir durch die Glieder. Wenn Rikki mich nun für verrückt hält? Vor mir davonläuft? Ich sterbe ohne sie. Ich schaff' das nicht allein.

Rikki verschränkte krampfhaft die Hände im Schoß. »Per sagte, da seien noch andere«, sagte sie. »Andere, Kleine. Es seien schlimme Dinge geschehen. Hast du das gehört? Weißt du, was er damit meint?«

»Ich weiß es nicht mit Bestimmtheit«, sagte ich. »Da sind Stimmen - und ich sehe vage Schatten von anderen. Sie sind namenlos. Bloße Schattenumrisse - bloße Gesichter. Ich weiß es nicht, Liebste.« Ich lehnte mich im Sofa zurück, bedeckte mit dem Arm die Augen. »Ich bin so müde, Rik. Jeder Gedanke tut mir weh.«

Rikki berührte leicht meinen Arm.

»Laß uns zu Bett gehen«, sagte sie. »Für heute reicht's.« Sie zog mir den Arm von den Augen und fühlte meine Wange. Ich spürte, wie mein Selbst langsam in ihren Fingerspitzen verschwand. Sie stand auf, nahm mich an der Hand und half mir auf die Beine. Sie legte meinen rechten Arm um ihre Schulter und schlang ihren linken um meine Taille. So aufeinander gestützt, schleppten wir uns müde die Treppe hinauf.

©1999, Cameron West, Dr. phil., Alle Rechte vorbehalten.

 

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