Soul ist ein zweites Ich ohne bestimmtes Alter, trat schon früh in Erscheinung und flößte mir Hoffnung ein, damit ich weiterleben konnte. Seine Gegenwart ist weiterhin spürbar, aber er kommt sogar in der Therapie kaum einmal zum Vorschein. Sharky ist ein primitives Zweit-Ich, das anfänglich kein Wort herausbrachte. Er grunzte nur, wackelte mit dem Kopf und biß in Dinge wie Tische, Kleider und Pflanzen. Ein anderes Alter Ego zeichnete ihn einmal als gliederloses Wesen mit einem riesigen Maul voller Zähne. Inzwischen hat Sharky mit mir zu sprechen und mit den Fingern oder einer Gabel zu essen gelernt. Wenn er zum Vorschein kommt, was nur selten geschieht, stößt er den anderen gegenüber meist Drohungen aus. Davy ist ein vier Jahre alter, lieber und trauriger Junge. Er trat als erster in Erscheinung, taucht neuerdings aber kaum noch auf. Anna und Trudi sind vierjährige Zwillinge. Anna hat Rehaugen, ist glücklich und hat ein so breites Lächeln, daß mir die Gesichtsmuskeln schmerzen. Sie erinnert sich an ihren Mißbrauch, empfindet aber weder Zorn noch Traurigkeit. Sie mag Süßigkeiten. Trudi ist düster und brütet vor sich hin, steht immer außen vor. Auch sie erinnert sich, allerdings nur an die Schmerzen, die Traurigkeit und den Schrecken. Anna gibt ihr von ihren Süßigkeiten ab. Anna gehört zu den Kernpersonen, die am häufigsten zum Vorschein kommen. Mozart ist sechs Jahre alt. Er ist sehr still und verletzlich und hat Atembeschwerden. Mozart tritt nicht oft auf. Clay ist acht Jahre alt und taucht häufig auf. Lange Zeit stotterte er fürchterlich, war hoffnungslos verkrampft und konnte niemandem in die Augen sehen. Inzwischen ist er viel entspannter. Das Stottern ist fast weg, und allmählich hält er auch einem Blick stand. Clay hat von unserer Therapeutin einen Schal bekommen, den wir täglich tragen. Clay gehört ebenfalls zur Kerngruppe. Switch ist acht Jahre alt. Früher war er unglaublich wütend über seinen Mißbrauch; da er sich aber mit einer der mißbrauchenden Personen eng verbunden fühlte, kehrte er diese Wut gegen mich und einige der anderen. Switch hat mich oft körperlich angegriffen und verwundet. Inzwischen hat sich seine Wut etwas gelegt, so daß ihn die restliche Truppe akzeptiert hat. Jetzt besitzt er einen eigenen Sheriff-Stern, den er stolz zur Schau trägt. Er gehört zur Kerngruppe. Wyatt ist ein aufgeweckter Zehnjähriger, tritt häufig auf und quasselt unentwegt. Er ist fast unablässig in Bewegung; meist wiegt er sich vor und zurück, läuft auf und ab, zählt und rechnet vor sich hin oder studiert eingehend Formen und Gestalten. Wyatt macht gern Wortspiele und beschreibt die Dinge auf ungewöhnliche Weise. Auch Wyatt gehört zur Kerngruppe. Tracy, Kit, Nicky, Lake, Toy und Casy sind die »Buben«. Sie traten in den ersten Monaten in Erscheinung; damals war Kennedy noch Präsident und nur Baseball-Spiele und Bonanza wurden in Farbe gesendet. Im Laufe der Zeit verwischten sich ihre Konturen, bis sie zu einer Gestalt verschmolzen und sich schließlich verflüchtigten. Jetzt ist der Zugang zu ihnen versperrt. Dusty ist ein zwölfjähriges Mädchen. Sie ist sanft und lieb und tritt häufig auf, kauft Lebensmittel ein, die sie dann zubereitet. Dusty kümmert sich um die Kleinen und liest ihnen manchmal aus Kinderbüchern vor. Sie ist enttäuscht, daß sie sich im Körper eines Mannes mittleren Alters aufhalten muß. Dusty gehört zur Kerngruppe. Gail, das neueste Mitglied der Truppe, trat erst richtig in Erscheinung, als dieses Buch schon fast fertig war. Anfänglich war sie äußerst reserviert, ist aber jetzt eng mit Dusty befreundet; die beiden unternehmen fast alles gemeinsam. Dusty hat Gail beigebracht, wie man Brot bäckt. Irgendwann werden sie wohl zu einer Gestalt verschmelzen. Auch Gail gehört zur Kerngruppe. Keith ist fünfzehn, still, sehr zurückhaltend. Er zeigt sich kaum einmal. Bart ist achtundzwanzig, unbeschwert und urkomisch. Anfänglich schüchterte er die gesamte Truppe ein, damit alle ihre seine Geheimnisse für sich behielten. Mittlerweile hat sich seine Rolle verändert: Er beschützt die Jüngeren und hilft uns, die Dinge leichter zu nehmen. Zusammen mit Per übernimmt er jedesmal das Kommando, wenn eine Krise eintritt oder meine Welt sich zu sehr verdüstert. Barts legere Art hat uns oft übers Schlimmste hinweggeholfen. Er wäre gern weniger ungehobelt und belegt mich halb scherzend, halb ernsthaft mit Spitznamen wie »Doc« oder »Langweiler«. Kyle kam kurz nach Bart zum Vorschein. Er war genauso alt wie Bart und dessen Kumpel. Im Laufe der Zeit überlappten sich die beiden immer mehr, bis sie schließlich zu einer Person verschmolzen. Leif ist in den Dreißigern und besitzt eine unglaubliche Präsenz und Kraft. Er strotzt vor Aktivität und Produktivität. Gefühle sind ihm völlig fremd, an Vergnügungen verschwendet er keinen Gedanken. In der Regel hielt sich Leif direkt hinter mir, übernahm zwar nicht vollständig das Kommando, trieb mich aber erbarmungslos an. Inzwischen sorgt er gemeinsam mit Bart und Per dafür, daß ich das Nötige tue, aber in einem menschlichen Tempo und mit einem gewissen Maß an Munterkeit und Gelassenheit. Leif gehört zur Kerngruppe. Sky hat ebenfalls die Dreißig überschritten. Er trat schon früh in Erscheinung und half beim Ordnen der Gefühls- und Erinnerungsströme, um eine Überlastung meiner Alter Egos und meiner selbst zu verhindern. Als die Mitglieder der Truppe im Laufe der Zeit miteinander umzugehen und zu arbeiten lernten, brauchten wir Sky immer weniger. Inzwischen kommt er nicht mehr zum Vorschein. Stroll ist um die Dreißig. Er war ein schmiegsames Sexinstrument, existierte einzig als Lustobjekt der Frauen und tauchte jedesmal auf, wenn mir eine Frau, gleich, welchen Alters, irgendwie freundlich begegnete. Stroll spricht zwar auch jetzt noch auf weibliche Aufmerksamkeit an, hat aber sein Rollenverhalten inzwischen dahingehend geändert, daß er den jüngeren Alter Egos zur Seite steht. Neuerdings kommt er nur noch in der Therapie zum Vorschein, und auch da eher selten. Per ist eine Seele von Mensch. Er ist poetisch und künstlerisch veranlagt und verkörpert die Kräfte des Ausgleichs und der Natur. Er verbreitet Frieden und Trost, hält uns sanft in den Armen und vermittelt uns Geborgenheit. Per ist eine der Kernpersonen und für alle in der Truppe die Vaterfigur. ©1999, Cameron West, Dr. phil., Alle Rechte vorbehalten.
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